Am Vormittag hat die geschlossene GWUP Mitgliederversammlung stattgefunden, über die ich Stillschweigen bewahre, da ich ehrlich gesagt nicht weiß, ob ich darüber berichten darf. Deshalb beschränke ich mich auf die Vorträge des Nachmittags, die auch gleich mit einer Koryphäe angelaufen sind.

Edzard Ernst – Quo vadis Alternativmedizin?

Edzard Ernst

Der erste Sprecher des heutigen Tages war Prof. Edzard Ernst, Professor für Alternativmedizin an der Universität von Exeter (England).
Zuallererst verwies er auf ein Zitat von Mark Twain, der da sagte: „Vorhersagen sind schwierig, insbesondere wenn sie die Zukunft betreffen.“

Laut Ernst, definiert und benennt sich die Alternativmedizin in 5 Jahresabständen regelmäßig neu. Was wir zur Zeit als Komplementär- und Alternativmedizin (CAM) kennen, heißt neuerdings „integrative Medizin“. Grundsätzlich enthält die unorthodoxe, alternative, komplementäre, integrative Medizin eine Fülle an Methoden, die bei näherer Betrachtung sehr wenig miteinander zu tun haben.

Und CAM erfreut sich, zumindest in Deutschland, an großer Beliebtheit, denn ca 65% der Menschen in Deutschland (und fast jeder Krebspatient) nehmen mindestens einmal pro Jahr die Leistungen der Alternativmedizin in Anspruch. Ein Grund hierfür ist sicherlich, dass CAM von den Medien stark gepusht und gehypt wird. Allein 300 Artikel pro Monat finden sich in der englischen Tagespresse über CAM.

Der zweite Teil des Vortrags beschäftigte sich mit mehreren unhaltbaren Behauptungen der CAM.

  • a) xy ist wirksam
  • Hierzu brachte Edzard Ernst die Chiropraktiker als Beispiel. 95% bis 100% aller britischen Chiropraktiker (und ich vermute mal nicht nur die britischen) erheben Ansprüche auf Heilung, die auf keinerlei Evidenz basieren: Angeblich können Kindercholiken, das lebensgefährliche Asthma, Bluthochdruck u.v.m. mittels der Geradestellung der Wirbelsäule behandelt werden.

  • b) xy kann nicht wissenschaftlich geprüft werden
  • Dies ist eine beliebte Aussage der Alternativmediziner, die behaupten, dass ihre Methoden nur individuell getestet werden können, sprich: Sie fragen einfach ihre Patienten, ob es ihnen nach der Behandlung besser geht. Man spricht hier von der „empfundenen Effektivität“ und diese wird als Ersatz für Evidenz angesehen. Ein zusätzliches Argument, welches häufig gebracht wird, ist das Argument des „Alters“. xy gibt es schon seit z Jahren (z so um die 1000 und mehr), deshalb muss es wirksam sein, sonst hätte es sich nicht so lange halten können. Professor Ernst macht aber klar, dass alle Methoden mittels klinischer Studien überprüft werden können (darauf wettet er sogar eine Flasche Rotwein).

  • c) Es gibt keine Geldmittel für CAM und noch weniger um sie genauer zu erforschen.
  • Zur Entkräftung dieser Behauptung sollte das folgende Bild genügen, welches David Beckham bei LA Galaxy zeigt. Man beachte den Sponsor von LA Galaxy:

    David Beckham bei LA Galaxy und dem Sponsor "Herbalife"

  • d) CAM ist natürlich und deshalb risikofrei
  • Wie sicher diese Methoden sind, ist nicht ganz klar. Im Jahre 2006 hat Ernst zusammen mit einigen anderen Mitarbeitern eine Studie zu diversen CAM Therapien veröffentlicht, wo gezeigt werden konnte, dass sehr wohl Nebenwirkungen auftreten, sich diese aber im Bereich um die 10% bis 20% bewegen (je nach angewandter Therapieform: Homöopatie, Akupunktur, Chiropraktik).

    Wie sieht es nun aber mit der Beweislage für CAM aus.
    Tatsächlich ist es so, dass es ca. 20 Therapien gibt, die wissenschaftlich gut belegt sind. Als Beispiel führt Edzard Ernst Akupunktur an, wo es tatsächlich positive Befunde gibt, die über den Placeboeffekt hinaus gehen und zeigen, dass Akupunktur bei Schmerzen (z.B. bei Arthrose) wirksam ist.

    Als Intermezzo stellte er noch den Fall zwischen Simon Singh und der „British Chiropractic Assiciation“ vor. Hierzu verlinke ich wohl am besten zu diesem Artikel.

    Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die meisten Methoden der CAM nicht auf wissenschaftlicher Evidenz basieren (aber manche tun es) und dass sie nicht mit großen Riskien verbunden sind (aber manche sind es). Prinzipiell ist die Untersuchung und Beleuchtung von CAM möglich und notwendig. Als Schlusswort führte Prof Ernst an, dass jeder, der mit Medizin zu tun hat, aber nicht an evidenz-basierte Medizin glaubt, sich schlicht gesagt im falschen Business befindet (erinnerte mich ein wenig an Tim Minchins Aussage: alternative medicine has either been proven not to work or not been proven to work.)

    Edzard Ernsts nüchterne Meinung zur Homöopathie ist, dass sie eigentlich ein Dogma, und ein Fortschritt der Letztgenannten deshalb schlichtweg unmöglich sei. „Wenn die Homöopathen eine Kirche Hahnemanns gründen wollen und ein Glaubensbekenntnis ablegen wollen, bitte. Aber sie sollen die Medizin in Ruhe lassen.“

    Im Anschluss an Prof. Ernsts Vortrag gab es noch eine 15 minütige Fragerunde. Da wurde von einem Zuhörer u.a. angemerkt, dass Sham-Akupunktur (also der Einsatz von Teleskopnadeln, die nicht stecken bleiben) seiner Meinung nach keine gute Methode sei, um Akupunktur auf den Placeboeffekt zu testen, weil diese Art der Nadeln nicht schmerzen, dies aber als Voraussetzung für die Akupunktur gilt (stimmt das? Habe ich vorher noch nie gehört?). Edzard Ernst argumentierte, dass eine ganze Doktorarbeit hinter der Entwicklung dieser Nadeln steckt. Im Weiteren wurden sie mit Hilfe der Patienten selbst entwickelt. Somit wurde sichergestellt, dass die Patienten keinen Unterschied zwischen wahrer und vorgegaukelter Akupunktur feststellen konnten.
    Eine weitere Frage war, warum Akupunktur ausgerechnet bei der Schmerzlinderung von Arthrose wirksam ist, aber nicht bei anderen Formen von Schmerz. Laut Ernst liegt das darin begründet, dass es für die Akupunkturbehandlung von Arthrose die meisten Studien gibt, die außerdem noch eine akzeptable Qualität haben. Möglicherweise zeigen zukünftige Studien, dass Akupunktur eine Therapieform für andere Schmerzarten hilfreich sein kann. Er wollte dann aber nicht zu viel spekulieren bzw. im Kaffeesatz lesen.

    Michaela Noseck – Energie als Metapher in CAM

    Michaela Noseck

    Bevor ich versuche den Inhalt dieses Vortrags zusammenzufassen, muss ich gestehen, dass ich leider große Mühe hatte ihm zu folgen. Dies lag wohl hauptsächlich an meiner Müdigkeit. Infolgedessen, wird dieser Beitrag leider nur sehr kurz und sicherlich unvollständig ausfallen. Allerdings hat Bernd Harder hier den Vortrag sehr viel besser zusammengefasst und dokumentiert.

    Soweit ich verstanden habe, wollte die Vortragende in ihrer Arbeit die vorhandenen traditionellen Heilmethoden in Österreich katalogisieren und die Frage beantworten, warum CAM so viel Zulauf erfährt. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass CAM spannender ist als die evidenz basierte Medizin („Schulmedizin“) und unkritisch übernommen wird; ein Effekt, den sie als Dozentin an der Universität Wien auch bei ihren Studierenden feststellen konnte. Die Patienten, die CAM in Anspruch nehmen sind im Allgemeinen auf der Suche nach Harmonie (Gegensätze ausgleichen), Reinigung (Belastendes loswerden), suchen die Nähe zur Natur, üben Zivilisationskritik aus und suchen die Erklärung hinter der Erklärung, versuchen also zu verstehen und zu begründen, warum ausgerechnet sie und gerade jetzt von dieser Krankheit heimgesucht werden. Diese Leute suchen die Diagnose und verstehen Letztere auch gleichzeitig als Heilung; die Anamnese scheint also außerordentlich wichtig.
    Was ich von diesem Vortrag gelernt habe ist der, für mich neue, Begriff der ungefragten Diagnosestellung, sprich: Es werden Patienten Diagnosen aufgeschwatzt, nach denen sie gar nicht gefragt haben. Michaela erzählte uns diesbezüglich eine Ankedote: Als sie bei einem Heilpraktikertreffen war, kam die Frage auf, ob sich denn eine der dort anwesenden Damen auch mit den nicht-geborenen Kindern befasse. Die Dame gab als Antwort, dass sie den Sohn der Fragestellerin hinter derselben sehe, und dass sie nach dem Seminar doch mal zu ihr kommen solle, um mit ihr darüber zu sprechen.

    Der Mozart Effekt – Jakob Pietschnig

    Jakob Pietschnig

    Der meiner Meinung nach beste Vortrag des heutigen Abends kam ganz am Ende von Jakob Pietschnig. In seinen Ausführungen versuchte er den „Mozart Effekt“ zu erklären um uns gleichzeitig, anhand dieses Effektes, zu zeigen, wie sich Mythen hartnäckig halten.
    Ausgangspunkt des Vortrags ist eine in Nature publizierte Studie, die eine statistisch signifikante Korrelation zwischen dem Hören von Mozart’s Sonate für zwei Klaviere in D-Dur „allegro con spirito“ und dem Raumvorstellungsvermögen gefunden hat. Das Raumvorstellungsvermögen ist deshalb so besonders, weil es ein Indikator der Intelligenz einer Person ist. Im Schnitt hatten jene Menschen, die Mozart hörten, 8-9 IQ Punkte mehr als jene, die Relaxationsanweisungen befolgten, oder vollkommener Stille ausgesetzt waren. Diese Studie hatte einen riesigen medialen, kommerziellen, politischen und wissenschaftlichen Impakt. In den Zeitungen beispielsweise las man dann sogleich imposante Schlagzeilen wie z.B. „listening to Mozart makes you smarter“ oder „Mozart lets student’s IQ rise“. Dieses mediale Echo führte dazu, dass ein gewisser Don Campbell sich den Mozart Effekt als eingetragene Marke (registered Trademark) sicherte und es nun vermarktet (natürlich kann Don Campbell’s Mozart Effekt noch viel mehr, wie z.B. die Gesundheit der Familie garantieren oder psychische Verletzungen heilen). Den politische Impakt sieht man auch heute noch, z.B. in Florida, wo in Kindertagesstätten per Gesetz den Kindern 1 Stunde klassische Musik täglich vorgespielt werden muss. Ein weiteres Beispiel war das Beschallen von Mikroben (siehe hier) und Kühen, damit sie bessere und mehr Milch produzieren (der so genannte „Moozart Effekt“).

    In der scientific community sah die Sachlage schon bedeutend anders aus, denn die Evidenzlage war im besten Fall inkonklusiv. Es gibt mehrere Studien zu diesem Thema, von denen manche einen positiven Zusammenhang gefunden haben, andere aber wieder nicht. Nun hat uns Jakob Pietschnig erklärt, was man in der Wissenschaft unter der statistischen Signifikanz versteht. Dies war deshalb wichtig, um seine Arbeit und ihre Methodik besser zu verstehen. Er hat nämlich eine Meta Analyse veröffentlicht, in welcher er alle 39 verfügbaren (publizierte und unpublizierte) Studien mit insgesamt 3109 Testpersonen untersucht. Mit so einer Meta Analyse kann man die statistische Macht einer Studie erhöhen und die Fehlerwahrscheinlichkeit, welcher jeden einzelnen Studie anhaftet, verringern. In seiner Meta Analyse hat Jakob Pietschnig dann auch noch den Publiation Bias in der Fachliteratur berücksichtigt. Der Publication Bias besagt nichts anderes, als dass Studien, welche einen signifikanten Effekt oder ein tolles Resultat aufzeigen, öfter, schneller und sichtbarer publiziert werden, als Studien, welche kein solches Resultat liefern. D.h. grundsätzlich wird es in der Fachliteratur mehr Studien mit einem positiven Effekt geben, als solche, die keine Korrelation zwischen Mozart’s Musik und der Raumvorstellung finden.
    Was Jakob Pietschnig dann schließlich und endlich gefunden hat war, dass es keinerlei Evidenz für den Mozart Effekt gibt und dass es tatsächlich einen nicht vernachlässigbaren Publication Bias zu diesem Thema gibt.
    Geendet hat der Vortrag mit einem Zitat des Editors des Journals, in welchem Jakob Pietschnig publiziert hat: „I would like to think that this study will put an end to the Mozart effect (though I doubt it – these things die hard)“.

    Und damit war der 2. Konferenztag, zumindest für mich, zu Ende. Viele der Konferenzteilnehmer amüsieren sich zu später Stunde sicherlich noch im Wiener Heurigen 😉

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